Umweltkatastrophe durch Saatgutbeizmittel - BayerCropScience führt technische Probleme als Ursache für das Bienensterben an

BienensterbenBienensterbenAnfang Mai schwirrten die ersten Meldungen durch das Internet: Die badischen Imker meldeten ungewöhnliche, massive Volkszusammenbrüche trotz der ortstypisch besonders milden und bienenfreundlicher Witterung. In einem Brandbrief an den baden-würtembergischen Landwirtschaftsminister vom badischen Imkerverband wurde aufgrund von ähnlichen Erfahrungen aus Italien die Vermutung geäußert, daß eventuell die mit dem hochtoxischen Nervengift Clothianidin (LD50 Oral 0,00000368 Gramm pro Biene)gebeizte Mais-Saatgut für das Sterben der Bienenvölker verantwortlich sei.
Die italienischen Imker, die dieses Bienensterben schon aufgrund des früheren Frühlings einige Wochen zuvor erleben mußten, konnten bei Untersuchungsproben aus verendeten Bienen den Wirkstoff Clothianidin nachweisen.
Das Saatgutbeizmittel, das die Maiskörner charakteristisch leuchtend rot einfärbt, dient als Schutz vor dem ebenfalls frisch eingetroffenen Mais-Schädling Nr. 1: Dem Mais-Wurzelbohrer. Dieser Käfer (Diabrotica virgifera) aus der Familie der Blattkäfer (Chrysomelidae) breitet sich seit einigen Jahren auch in Europa aus und wurde 2007 erstmals in Deutschland nachgewiesen. Seine Larven nagen sich in die Wurzeln von Mais und anderen Wirtspflanzen und töten die Pflanze dadurch ab. Mangels natürlicher Feinde und umfangreicher Mais-Monokulturen findet er optimale Lebensbedingungen. Das von BayerCropScience entwickelte und vertriebene Beizmittel Clothianidin bietet dagegen Schutz und das Mittel wurde aufgrund des nachgewiesenen Auftretens des Mais-Wurzelbohreres in höheren Konzentrationen als üblich für die Beizung verwendet.
Allerdings hat dieser Schutz offenbar seinen Preis: Französische Veterinärämter warnten bereits zu Beginn des Frühjahrs, Bienenvölker in Maisanbaugebieten aufzustellen. Das robuste und gut wasserlösliche Mittel baut sich nur schwer ab und wurde, so die Vermutung, durch Wind und Wasser auf benachbarte Felder und damit beflogenen Trachtpflanzen verbracht. Leider wurden die Warnungen, die auch an deutsche Behörden weitergereicht wurden, nicht an die Imker weiter geleitet.

Mitte Mai bestätigte das Julius-Kühn-Institut in Brauschweig, daß in 29 von 30 Proben Bienenschäden durch Clothianidin aufgetreten sind. Inzwischen wurde die Zulassung des Mittels ausgesetzt, was jedoch diebereits fast vollständig durchgeführte Aussaat bereits behandelten Saatgutes nicht rückgängig machen kann. Man kann jedoch davon ausgehen, daß die Bienen hier nur der Anzeiger für eine weitgehend unsichtbare Umweltkatastrophe darstellen da die meisten Tierarten in diesen Gebieten keiner genauen Beobachtung unterliegen – wie viele andere Blütenbesucher und die davon abhängigen Arten an dem Beizmittel zugrunde gingen, kann nur erahnt werden. Das Beizmittel ist übrigens auch für den Menschen nicht ungefährlich – Allergien und Vergiftungserscheinungen sollen beim Kontakt aufgetreten sein. Da die auffällig roten Saaten frei auf den Feldern liegen, stellen sie nicht nur für Kinder, sondern auch für andere Tiere verlockende Ziele dar.

Inzwischen fordern auch die ersten politischen Vertreter bessere Kontrollen und Verbot dieser Agrargifte – man darf gespannt sein, wie BayerCropScience die Angelegenheit zumindest unter dem Aspekt der Produkthaftung kompensieren will. Der angerichtete Schaden wird jedoch vermutlich nur sehr schwer zu ermitteln sein. Die Firma macht vornehmlich technische Aspekte bei der Ausbringung der Saat und dabei entstehenden Abrieb für die unkontrollierte Verbreitung verantwortlich und will Alternativen oder bessere Kontrollmöglichkeiten prüfen. An dem Wirkstoff selbst hält sie jedoch weiterhin fest.